Skip to content

Erdbebensicheres Bauen

Wie entstehen Erdbeben?

Die Erdkruste besteht aus sogenannten tektonischen Platten, die sich gegeneinander bewegen. Obwohl die Geschwindigkeit dieser Wanderungen nur wenige Zentimeter pro Jahr beträgt, stauen sich dort, wo die Platten aufeinandertreffen, gewaltige Energien auf. Das Gestein wird einem enormen Druck ausgesetzt, bis es schließlich explosionsartig bricht und sich die Spannungen in Form eines Erdbebens entladen. Ein Beispiel dieser tektonischen Platten sind die eurasische und die afrikanische Platte, welche entlang der nordwestafrikanischen Küste, Italien, Montenegro, Albanien, Griechenland, der Türkei und wieder der Mittelmeerküste entlang südwärts aufeinandertreffen. Diese Grenzbereiche sind nicht lokal begrenzt, sondern hunderte Kilometer weit. Daher liegt auch Südtirol am Rand dieses Grenzbereiches und kann von Erdbeben heimgesucht werden, wenngleich mit geringer Intensität und Häufigkeit.

Was geschieht bei einem Erdbeben mit einem Gebäude?

Die seismischen Wellen versetzen die Erdoberfläche in Bewegung, welche diese Schwingungen an die Gebäude überträgt. Das Tragwerk schwingt nach dem Ereignis aus und baut diese Energie durch „innere Reibung“ wieder ab. Die für ein normales Gebäude relevanten Schwingungen erfolgen in horizontaler Richtung. Das Tragwerk eines Gebäudes muss auch für horizontale Beanspruchungen geplant und dimensioniert werden. Es gibt dafür zwei grundsätzliche Tragwerksmodelle:

  • Scheibentragwerke, welche aus Wänden oder vertikalen Verbänden bestehen
  • Stockwerkrahmen, welche aus Stützen und Trägern bestehen.

Beide können auch kombiniert werden.

Welche Kenngrößen beeinflussen die Beanspruchung eines Gebäudes im Erdbebenfall?

Der Untergrund, auf dem die Fundamente stehen, beeinflusst auf Grund seiner Steifigkeit die Beanspruchung des Tragwerkes, da sich in steifen Böden (z.B. Fels) die seismischen Wellen mit viel höherer Geschwindigkeit als in weichen. Schwingungen mit hoher Geschwindigkeit beanspruchen ein Gebäude weniger als solche mit niedriger. Daher ist es auch wichtig, durch ein geologisches Gutachten Kenntnis über den Untergrund zu erlangen, auf welchem das Bauwerk steht.

Die Masse des Gebäudes und deren Verteilung entlang der Höhe und im Grundriss beeinflussen wesentlich die Intensität der Schwingungen, deren Auslenkungen und Dauer. Je größer die Masse, desto größer sind die Beanspruchungen. Es sollte das Ziel sein, die Massen entweder gleichmäßig über die Höhe und im Grundriss zu verteilen oder diese gleichmäßig nach oben hin abnehmen zu lassen.

Aussteifungstragwerke (Stockwerkrahmen, Fachwerkverband, Scheibe
Aussteifungstragwerke (Stockwerkrahmen, Fachwerkverband, Scheibe
Beispiele komplexe Grundrissformen welche zu ungünstigem Verhalten bei Erdbeben führen
Beispiele komplexe Grundrissformen welche zu ungünstigem Verhalten bei Erdbeben führen
Günstige Gebäudeformen durch Auflösung in rechteckige Bauteile und Ausbildung von Gebäudefugen (grün)
Günstige Gebäudeformen durch Auflösung in rechteckige Bauteile und Ausbildung von Gebäudefugen (grün)
Sprunghafte Änderungen der Steifigkeit führen zur Entstehung von Schwachstellen.
Sprunghafte Änderungen der Steifigkeit führen zur Entstehung von Schwachstellen.

Die Proportionen in Grundriss und Aufriss beeinflussen auch die Beanspruchungen eines Gebäudes. Bei langen, schmalen Grundrissen oder im Verhältnis zur Grundfläche hohen Gebäuden treten ungünstige Schwingungsformen auf, da einzelne Bereiche in die entgegengesetzte Richtung schwingen, was zu hohen Beanspruchungen des Tragwerkes führt. Daher ist die Regelmäßigkeit, ein einfacher Grund- und Aufriss, von großer Bedeutung. Die Kriterien hierzu sind:

  • Verhältnis Länge zu Breite kleiner als drei (Idealfall quadratische oder kreisförmige Grundrisse)
  • Verhältnis Höhe zu Breite kleiner als drei
  • Auflösung komplexer Grundrissformen (z.B. L-, H-, T-, X-, V-, Y-Formen) und Höhenversätze im Aufriss in einzelne rechteckige Bauteile und die Ausbildung fachgerechter Gebäudefugen zwischen den einzelnen Abschnitten, damit sich die einzelnen Bauteile bei entgegengesetzter Schwingung nicht berühren
  • Vermeidung großer Rücksprünge oder Auskragungen

Eine günstige Anordnung der Aussteifungstragwerke im Grundriss verringert wesentlich die Beanspruchungen im Erdbebenfall. Bei einer günstigen Anordnung sind die Aussteifungstragwerke in beide Hauptrichtungen vorhanden symmetrisch um den Masseschwerpunkt verteilt.

Die Steifigkeitsverteilung über die Höhe soll entlang der Bauwerkshöhe gleich bleiben oder nach oben hin gleichmäßig abnehmen. Sprunghafte Änderungen der Steifigkeit führen zur Knicken in der Achse der Steifigkeitsmittelpunkte und so zur Entstehung von Schwachstellen.

Was sind für erdbebensichere Bauwerke geeignete Baumaterialien?

Im Prinzip können erdbebensicher Gebäude aus allen gängigen Baumaterialien, wie Stahlbeton, Stahl, Mauerwerk oder Holz, gefertigt werden, sofern diese fachgerecht geplant und ausgeführt werden. Für welches Material sich ein Bauherr entscheidet, hängt von seinen Erfordernissen und Vorlieben ab. Im groben kann man die Unterschiede wie folgt umreißen:

  • Stahlbeton- und Mauerwerkskonstruktionen sind schwerer als Stahl- und Holzkonstruktionen, daher treten hier auch größere Beanspruchungen auf
  • Die Ausbildung der Verbindungen zwischen den einzelnen Bauteilen ist bei Stahl- und Holzkonstruktionen aufwändiger als beim Stahlbetonbau, wo diese durch korrekte Bewehrungsführung und Betonguss einfacher hergestellt werden können
  • Mauerwerksbau ist spröder als die anderen drei vorgestellten Bauweisen und kann nur in sehr geringem Maß Zug- und Scherkräfte aufnehmen. Durch eine geschickte Anordnung der Decken können alle Mauerscheiben vertikal beansprucht werden und somit deren Tragfähigkeit aktiviert und gesteigert werden. Die Eignung für horizontale Beanspruchungen der neuen Wärmedämmplanziegel ist z.B. in deren bauaufsichtlichen Zulassung angegeben und die Planung hat darauf Rücksicht zu nehmen.

Für die verschiedenen Bauteile aus den oben angeführten Materialien gibt es konstruktive Regeln, welche eingehalten werden müssen, damit diese die zyklischen Beanspruchungen aus den Schwingungsvorgängen sicher aufnehmen können.

Eine fachgerechte Tragwerksplanung beinhaltete schon immer auch die Bemessung des Tragwerkes für horizontale Beanspruchungen wie Wind, Erdbeben oder Erddruck. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Normen, auch aus den traurigen Erfahrungen großer Erdbebenereignisse, weiterentwickelt und dank Computergestützter Berechnungsmodelle können auch komplexere Tragwerksanalysen gemacht werden. In den letzten Ausgaben der Normen (z.B. heute in Italien gültige Norm M.D. 17.01.2018) wurden klare Kriterien festgelegt, welche Eigenschaften ein erdbebensicheres Gebäude bei verschieden starken Erdbeben aufweisen muss. Es gibt keine absolute Sicherheit, jedoch werden je nach Stärke der Beben und Bedeutung des Bauwerkes keine (statistisch 50-jährige Wiederkehr des Ereignisses für normale Gebäude) oder große Schäden bis ausschließlich dem Erhalt der Standhaftigkeit des Tragwerkes (statistisch 475 jährige Wiederkehr des Ereignisses für normale Gebäude) zugelassen.

Die Kosten für ein „erdbebensicheres“ Bauwerk müssen nicht über denen eines „normalen“ Gebäudes liegen, wenn man die vorhin zitierten Kriterien der Proportionen in Grundriss und Aufriss, günstige Anordnung der Aussteifungstragwerke im Grundriss und die Steifigkeitsverteilung über die Höhe schon in der architektonischen Planungsphase berücksichtigt.


Diesen Artikel finden Sie auch im gedruckten Baufuchs 2019


Fachautor

Dr. Ing Sebastian Vigl
Schrentewein & Partner GmbH
www.schrentewein.com

Sebastian Vigl

Weitere Artikel aus dem Bereich Rohbau

Baurestmassen

Baurestmassen

„Baurestmassen“ sind Reststoffe, die bei Bau- und/oder Abbruchtätigkeiten anfallen. Diese können unterschiedlicher Natur sein.

Bodenaufbau

Bodenaufbau

Estrich ist ein Bauteil, das auf einem tragenden Untergrund oder auf einer zwischenliegenden Trenn- oder Dämmschicht aufgetragen wird. Er ist unmittelbar als Boden nutzungsfähig oder kann mit einem Belag versehen werden. Estriche sind für eine hohe Wohnqualität sehr wichtig. Bei entsprechendem Bodenaufbau reduzieren sie den Trittschall und verbessern die Wärmedämmung.

Verputz

Verputz

Putze werden seit über 5.000 Jahren eingesetzt und zählen damit zu den ältesten Werkstoffen der Welt. Der Putz dient als Zierde und zugleich als Schutz des Gebäudes. Der Außenputz schützt die Gebäudehülle vor Abwitterung und mechanischen Schäden,vor Wind, Wetter, Sonne und vor raschem Verschleiß. Der Innenputz trägt zur Luftdichtigkeit und zum Feuchtigkeitsausgleich der Innenwände bei.

Wärmedämmung

Wärmedämmung

Wärmedämmverbundsysteme sind wärmedämmende Fassadensysteme mit einem vorgefertigten Wärmedämmstoff (Mineralwolle, Mineralschaum, Kork, EPS, Holzfaser), der auf die Wand geklebt und/oder verdübelt und in mehreren Schichten verputzt wird. Dieses komplett abgestimmt, europäisch technisch zugelassene Bauteil bietet Sicherheit und Schutz aus einer Hand. Der erdberührernde Bereich – Sockelbereich eines Gebäudes – wird zusätzlich abgedichtet und vor eindringender Feuchtigkeit geschützt.

Baustoffe

Baustoffe

Den idealen Baustoff, aus dem alle Häuser sein sollten oder könnten, gibt es nicht. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Baustoffe und jeder hat seine Vor- und Nachteile.

Nanotechnologie

Nanotechnologie

Bereits bestens bewährt haben sich die „Neulinge“ am Bau im Bereich Brandschutz. Die Nanotechnologie entwickelte spezielle Produkte zur Behandlung von Holz; die ultrakleinen Partikel dringen besonders tief in die Fasern des Holzes ein und umgeben den natürlichen Baustoff mit einer „versteinerten“ Schicht, der Feuer nur wenig bis gar nichts anhaben kann. Dieser verblüffende Effekt ist in zahlreichen Versuchen nachgewiesen.

Metallverarbeitung

Metallverarbeitung

Von Meisterhand gearbeitete Dächer und Fassadenelemente aus Metall zieren seit Jahrhunderten wertvolle historische Gebäude wie Kirchen, Schlösser oder Residenzen. Dem robusten Material ist es mit zu verdanken, dass vieles vor Zerstörung und Verfall bewahrt werden konnte.

Massivbau

Massivbau

Der Begriff Massivbau umfasst alle Baukonstruktionen aus Mauerwerk, Beton, Stahlbeton oder Spannbeton. Im Gegensatz hierzu steht der Leichtbau oder die Verwendung anderer Materialien wie zum Beispiel beim Holzbau, Stahlbau oder Aluminiumbau.

Trockenbau

Trockenbau

Der wichtigste Vorteil im Trockenbau ist das mehrschichtige zusammensetzen der verschiedenen Werkstoffe. Jeder Werkstoff hat spezifische Eigenschaften und muss je nach Einsatzzweck eingesetzt werden.

Holzbau

Holzbau

Wer sich heute für einen Holzbau entscheidet, macht dies vor allem wegen der vielen Vorteile dieser ökologischen und nachhaltigen Bauweise. Eine große Herausforderung ist der Schallschutz, da Holzhäuser bekannterweise zu den Leichtbauweisen gehören.

Exterior Compactplatte

Exterior Compactplatte

HPL steht für High Pressure Laminate. Dies ist ein hochwertiger und inspirierender Werkstoff. Neben klassischen Designs lässt er überraschende puristische Konzepte und charaktervolle Materialkombinationen zu, ebenso sind seit kurzem individuelle Digitaldrucke laut Kundenwunsch möglich. Was ist aber eigentlich dieses HPL? Der Baufuchs hat nachgefragt.

Fertighäuser

Fertighäuser

Das Bauen mit Fertigteilen verkürzt die Zeit zwischen Baubeginn und Einzug erheblich. Die kurze Bauzeit reduziert die Doppelbelastung von Miete und Bereitstellungszinsen. Nennen Sie Ihrem Fertighaus-Hersteller Ihren Finanzrahmen – per Computer plant er ein Haus nach Maß – und Budget.

Dachanhebung

Dachanhebung

Es schaut etwas kompliziert aus, ist aber genau das Gegenteil. Unter den Dächern schlummert wertvoller Wohnraum, der durch eine Dachanhebung einfach realisiert werden kann.

Steiggeräte

Steiggeräte

Steiggeräte helfen Arbeiten in einer bestimmten Höhe zu verrichten oder Höhenunterschiede am Arbeitsort zu überwinden. Dabei spielt die Sicherheit die Hauptrolle.

Denkmalgeschützte Bauten

Denkmalgeschützte Bauten

Bei Bau- und Kunstdenkmälern ist handwerklich Qualifikation gefragt: Es müssen spezialisierte Handwerker bzw. Bauunternehmen beauftragt werden, die mehrjährige Berufserfahrung im Bereich der Altbausanierung aufweisen – und somit schonend mit der alten Bausubstanz umgehen.

Gesunde vier Wände

Gesunde vier Wände

Noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mussten sich die Bauherren wenig Gedanken über die Auswahl der Baustoffe machen, denn die Auswahl war sehr überschaubar und bestand überwiegend aus natürlichen Materialien. Türen und Fenster waren alles andere als luftdicht und sorgten dafür, dass das Gebäude „natürlich belüftet“ wurde.

Baureinigung

Baureinigung

Bei Bau-, Sanierungs- oder auch Renovierungsarbeiten fällt immer viel Schmutz an, meist spezieller Schmutz. Nach Abschluss aller Arbeiten ist das Haus aber noch nicht bezugsfertig. Erst durch eine Bauendreinigung wird das Gebäude mit allen Räumen, in denen gearbeitet wurde bzw. die durch die Arbeiten in Mitleidenschaft gezogen wurden, in einen bewohnbaren Zustand versetzt.

Baukastensystem

Baukastensystem

Da die Fertigteile zur Gänze im Trockenen produziert bzw. gefertigt werden, kann eine gesundheitsschädigende Schimmelbildung so gut wie ausgeschlossen werden. Gesundes und sicheres Wohnen steht somit im Vordergrund. Ein weiterer Pluspunkt der Fertigbauweise ist ...